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Die Telli – ein Aarauer Solitär und seine Geschichte

 


Die Telli-Hochhäuser wurden in drei Etappen errichtet, 1971-74, 1982-85 und 1987-91. Die Planung und die ersten beiden Bauphasen fielen somit in eine Zeit, in der überall in Europa ähnliche Grosswohnsiedlungen aus dem Boden wuchsen.

In grossstädtischen und industriellen Ballungsgebieten entstanden solche Siedlungen nicht nur, um den stark steigenden Wohnraumbedarf abzudecken, sondern auch als Quartiere für die wirtschaftlich schwache Bevölkerung, die durch Sanierungen und die Mietpreisentwicklung aus den innerstädtischen Gebieten verdrängt wurde.

In Aarau ging es aber ausschliesslich um die Tatsache, dass neue Überbauungen der anwachsenden Bevölkerungszahl und dem knapper werdenden Bauland gerecht werden mussten. Anders als andere Städte, die an ihrer Peripherie eine geschlossene mehrstöckige Blockrandbebauung erhielten, wuchs Aarau zwischen etwa 1820 und 1960 als Gartenstadt mit Einfamilienhäusern. Die wenigen noch verbliebenen Reservewohngebiete mussten also möglichst rationell besiedelt werden. In den 60er Jahren entstanden so die ersten Wohnblöcke und die ersten Hochhäuser.

Um den weiterhin drückenden Wohnungsmangel zu beheben, gab die Stadt Aarau Ende der 60er Jahre mit dem Areal der Telli schliesslich ihr letztes grosses Stück Bauland frei. Hier sollte eine grosszügige Bebauung entstehen, so gross wie noch nie in Aarau. Hier wünschte man sich die Verwirklichung modernster Vorstellungen. Mit dieser Zielsetzung schrieb man einen Wettbewerb aus, aus dem der Entwurf von Hans Marti und seinem Kompagnon Hans Kast als Sieger hervorging.

 

Hans Marti – Städtebau als menschliche Aufgabe


Hans Marti (1913-1993) gehört zu den wichtigsten Pionieren einer systematisierten Orts- und Regionalplanung im 20. Jahrhundert. Sein Engagement galt einer umfassenden Sicht auf alle Aspekte städtebaulicher Massnahmen, seien sie technischer, wirtschaftlicher, psychologischer oder politischer Art. Wie sehr ihm ein Ausgleich zwischen Kapitalinteressen und menschlichen Bedürfnissen am Herzen lag, ist einem Artikel in der Schweizerischen Bauzeitung von 1961 zu entnehmen. In diesem Artikel finden sich alle Überlegungen, die – sieht man sich die Telli darauf hin an – in die Planung eingeflossen sein müssen.

"Städtebau – menschlich gesehen – braucht Raum", schreibt er, "Raum für den Einzelnen, für die Familie, die Kinder und für die Gemeinschaft." Dabei geht es ihm nicht nur um das Grundbedürfnis des Wohnens und um die Bereitstellung von Wohnungen für die unterschiedlichsten individuellen Lebensweisen. Es geht ihm auch um Lebensmöglichkeiten im unmittelbaren Umfeld, um die unterschiedlichen Bedürfnisse der unterschiedlichen Generationen.

Die Einplanung von Krippen, Kindergärten und Tageseinrichtungen sieht er als selbstverständlich an und in der Durchsetzung als unproblematisch. Ein in seinen Augen unzureichend berücksichtigtes Problem sieht er aber in den Bedürfnissen der heranwachsenden Jugend. Im fehlen "Tummelplätze, wo die Buben sich austoben können [...], wo kein böser Abwart das Fussballspiel verbietet, wo man sich Beulen und offene Knie holen kann [...]" und wo gegebenenfalls durchaus auch Bandenkriege stattfinden können. Und schliesslich fehlen ihm lauschige Ecken für die verliebte Jugend: "In Bars fliehen sie, die Jungen; auf Hockern vor bunten Schnäpsen finden sie Ersatz für fehlende Tummelplätze [...]". Das mutet fast rührend und etwas altbacken an, ist aber deshalb nicht weniger wahr und lässt sich leicht in die heutige Zeit übersetzen.

Aus den Bedürfnissen eines "gesunden" Menschen – in all seinen Lebensphasen – leitet Marti Forderungen an den Städtebau ab. Und dazu gehören eben im wahrsten Sinne des Wortes Freiräume, Räume zwischen den Überbauungen, die einerseits Privatsphäre garantieren ("Deinen Nachbarn siehst Du, folglich sieht er Dich auch auch"), die andererseits der Erholung und den unterschiedlichsten geselligen Nutzungen dienen. Dass die Durchsetzung solcher Forderungen durchaus auch an finanziellen Interessen, an den Kosten für Grund und Boden scheitern können, macht er gleich zu Anfang seines Artikels anhand eines Rechenbeispieles deutlich. In der Telli hat er diese Forderungen verwirklichen können.

Die Telli im Schweizer Architekturführer


Trotz einer insgesamt 20-jährigen Bauzeit, in deren Verlauf sich die Ansichten über die Dimensionierung solcher Grossüberbauungen durchaus verändert hatten, wurde das Projekt im Sinne der ehemals als optimal empfundenen Entscheidung zu Ende geführt.

Die Telli ist aber ein Solitär in der Landschaft geblieben – die reine Dimensionierung ist veraltet, die zugrunde liegenden Gedanken und deren Umsetzung in der Ausgestaltung der Gesamtanlage aber haben ihre Gültigkeit und ihren Wert behalten. Sie lassen sich bei einer unvoreingenommenen Betrachtung immer noch ablesen. Und nicht umsonst wurde die Wohnüberbauung Telli in den Schweizer Architekturführer auf genommen und als eine modellhafte Umsetzung der spätmodernen Postulate im Städtebau hervorgehoben.

 


Ein Alternativentwurf für die Telli.


Der Entwurf von Marti und Kast.
Zunächst waren 3 Hochhäuser vor
den Wohnzeilen vorgesehen.
 

Die erste Bauphase ist beendet (Luftbild von 1972).





Zwei Aufnahmen aus dem Jahre 1987.